6:30 misst das Handy und fängt an, mich aus dem zu kurzen Schlaf zu quäken. Rhythmisch surrt es auf dem kleinen Tisch entlang, und ich denke zuerst an die Dunstabzugsmaschine, die im Bad ihr Unwesen treibt, sobald man den Lichtschalter auf "ein" stellt. Ein tiefer rollender Ton erweckt einen wohl treffenden Eindruck der Laune, die die Maschine haben muss, wenn man als naiver Hotelgast mitten in der Nacht noch einmal versehentlich das Bad betritt. Zehn Minuten später dröhnt das Ding immer noch, obwohl das Licht längst wieder aus ist. Ich habe die Maschine Ursula getauft.
Im Frühstücksraum ist keine Menschenseele zu sehen. Der etwas in die Jahre gekommene Kaffeeautomat rattert noch etwas verschlafen, ist dann aber nachgiebig und rückt den Wachmacher raus, sogar gleich mit Sahne.
Kurz vor acht. Ich werde so was von zu früh da sein, denke ich mir, und entscheide, nicht auf den Bus zu warten, sondern die vom Handy eingeschätzte halbe Stunde Fußweg zu nehmen. Immerhin gilt es ja eine Stadt zu erkunden.
Die Karten-App zeigt mit der Stecknadel auf eine Straßenkreuzung als Ziel und scheint mit sich zufrieden. Tatsächlich steht das Forum nicht weit weg, aber ohne nachzufragen kommen zwei größere Gebäudekomplexe in Frage. Also schwenke ich auf die gute alte Fragetour um. Die funktionierte ja bisher auch.
Am Registrierungsstand für die Namen mit Anfangsbuchstaben A-G steht eine Person. Am Stand für H-L steht keine. Es gibt noch eine dritte - M-Z. Hier ist Partystimmung angesagt. "Hast einen Scheißnamen, wa?", sagt eine Teilnehmerin zum hinter mir Stehenden, blinkert mit den Augen und flötet "Ich geh mir dann mal einen Kaffee holen."
Im Saal, in dem der erste Workshop drei Stunden fesselnde Spannung verspricht, bricht gern einmal das W-LAN zusammen. Was aber auch nicht verwunderlich ist bei 150 mit Laptops bewaffneten Neugierigen.
3 Stunden und eine Mittagspause später gibt's dann die Keynote der Veranstaltung, in welcher neben ein bisschen Talk- und OSGi-Kickoff vor allem über eigenhändig steuernde Drohnen gesprochen wird. Viele Anwendungsfälle werden in vorbereiteten Videos gezeigt. Von Minen-Vermessung über Schwarmintelligenz bis hin zu einer Drohnen-Band, die auf mehreren Instrumenten das James-Bond Thema spielt, ist einiges dabei. Man brauche dafür viele Mathematiker, Informatiker usw., meint der Speaker, und präsentiert eine Folie, auf der in dicken Lettern "Be nice to nerds" steht. Was mich spontan an den Typen damals in dem Psychologen-Café der FU erinnert, der etwas ins Leere starrend seine Suppe löffelte und dabei nervös mit dem einen Augenlid zuckte. Oder an die vielen Mathematiker an unserer Fakultät, die allerdings oft nicht dem gängigen Klischee gerecht wurden. Und an die schlechten Witze - etwa über den extrovertierten Informatiker. Wahrscheinlich ist der Studiengang relativ beliebig austauschbar.
Die weiteren Talks dauern immer eine halbe Stunde. Eine gute Zeitspanne, um einen Eindruck zu bekommen. Bei den Model-Queries zickt das Mikrofon. "Ok, I'll try to stand still, now.", meint ein gelassener Ed Willink, der eigentlich gerade von der Beschleunigung von OCL-Abfragen im Kepler-Release erzählen wollte, und erntet Spontantbeifall. Er hatte sich noch gar nicht bewegt.
Zwischen den Talks heißt es jeweils "Wir spielen 'Die Reise nach Jerusalem'", wenn eine Stampede von Software-Entwicklern von einem Saal zum nächsten hetzt. Die Vorträge gehen meist natlos ineinander über.
Gegen 18Uhr sind die Talks des ersten Tags vorbei. Der Akku der meisten Laptops schätzungsweise ebenso wie der der meisten Teilnehmer. Noch etwas Feierabend-Smalltalk und ein Glas Bier oder Wein, und dann machen sich die meisten Leute auf den Heimweg.
Draußen ist es noch hell. Also gehe ich noch in den Park und schlendere die Allee Richtung Schloss entlang. Auf einer Tafel steht, dass im 18. Jahrhundert den Leuten die Hand abgehackt wurde, wenn sie Holz aus den Alleen stahlen (also hinterher, nicht währenddessen).
In der Altstadt beschallt ein kleiner Jeans-Laden das Restlicht des nicht gerade sonnigen Tages mit "Mambo No. 5". Heute sieht aber niemand mehr nach Mambo aus. Ein paar Straßen weiter fegt eine Frau die vielen bunten Blätter vor ihrem wunderschönen Gründerzeithaus. Als ich vorbeikomme, stützt sie sich auf die Harke und grüßt freundlich. Zwei Straßen später wird eine Hauswand von urbanen Schmierereien geziert. In Berlin wäre das Gegenstück ein schludrig gesprühtes Hakenkreuz. Hier ist es Karl Marx, und daneben ein Hammer und eine Sichel. Nach Kunst sieht es hier aber genauso wenig aus.
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